Traditionelle Wiener Bälle

Einen der großen, traditionellen Bälle, die in grandiosen Locations wie der Hofburg abgehalten werden, zu besuchen ist sicherlich eines der beeindruckendsten Dinge, die man zur Faschingszeit in Wien erleben kann. Die einzigartige Atmosphäre historischer Orte bildet den perfekten Hintergrund für wahrlich magische Nächte.

Walzertanzen in Wien – ein Erlebnisbericht

Das Folgende sind die Erlebnisse eines Besuchers des Balls der Wiener Philharmoniker:

Eigentlich war der Abend garnicht so weit weg von anderen Abenden, die ich in meinem Leben erlebt habe. Eigentlich war ich es gewöhnt, den Wiener Walzer auf Galas, Bällen und Festen zu tanzen. Und doch lief mir ein freudiger Schauer den Rücken herunter als nacheinander mehr und mehr Menschen um mich ihre Stimmen erhoben und die Melodie eines Walzers aus Franz Lehars Die fröhliche Witwe mit summten und sangen.

Das also war es, was einen Ball in Wien so einzigartig, so unvergesslich machte.

Ich befand mit am Ball der Wiener Philharmoniker, umgeben von hunderten an Paaren, die in Frack und Abendkleid über das Parkett des wundervoll dekorierten Ballsaales schwebten.

Für viele Menschen ist der große Wiener Ballabend ein Synonym für die Eleganz und Schönheit des 19. Jahrhunderts. Und wer jemals auf einem dieser Bälle gewesen ist, weiß, woher diese Verbindung stammt. Es ist eigentlich unmöglich sich nicht in das Zeitalter, in dem die Romantik den Himmel und die Erde beherrscht hat, zurückversetzt zu fühlen, wenn man mit 58 oder 60 Umdrehungen pro Minute über das Parkett fegt und nichts als die Musik, den Atem des Partners und das Rascheln der sich um die Beine windenden, schwingenden Röcke in den Ohren hat.

Ich habe eine Vielzahl an von wiener Traditionen inspirierten Bällen in Amerika besucht, aber noch nie zuvor hatte ich die Gelegenheit, in das „Original“ einzutauchen. Doch dieses Jahr war es endlich so weit. Mein Sabbatical in London, nur eine kurze Flugreise von Wien entfernt, fiel so, dass ich mich während der gesamten Ballsaison (Fasching ist von Anfang November bis zum Faschingsdienstag, dem Abend des letzten Tages vor Aschermittwoch, also dem Beginn der Fastenzeit, wobei Bälle tendenziell eher erst ab Silvester stattfinden) ganz in der Nähe befand.

Ich hatte Pläne. Unter anderem traf ich mich mit einer Gruppe Gleichgesinnter, die sich aus Mitgliedern der Britischen Johan Strauss Gesellschaft und der Internetplattform Classical Partners zusammensetze, zu Tanzstunden. Über die Dauer von drei Wochenenden lernten wir in London wie man Walzer, Polka und Galopp tanzt, und nur wenig später trafen sich über 20 von uns für das ultimative Ballerlebnis in Wien.

Jeden Winter finden hunderte Bälle in Wien statt. Fast jede Berufsinnung und soziale Organisation hat seinen eigen Ball – unter den Veranstaltern befinden sich die Offiziere des österreichischen Bundesheeres, die Floristen, Juristen und Kaffeesieder Wiens, sowie die Technische Universität. Karten für die Mehrheit dieser Bälle sind frei erhältlich, und so kommt es oft vor, dass ein Großteil der Besucher keinerlei Verbindung zu den Veranstaltern hat.

Eine Vielzahl der großen, traditionellen Bälle wird in spektakulären historischen Gebäuden, wie der Hofburg oder dem Rathaus, abgehalten. Und so ist es wohl nicht weiter verwunderlich, dass diese Events unglaublich elegante Veranstaltungen mit strengem White Tie Dresscode, also Frack und Galarobe, sind.

Wie ich eingangs schon erwähnte, fand ich mich an einem Jännerabend mit meinen walzerbegeisterten Freunden in einem dieser grandiosen Bälle wieder: dem Ball der Wiener Philharmoniker.

Der Ball der Wiener Philharmoniker

Der Philharmonikerball ist einer der elegantesten Bälle Wiens und findet alljährlich im altehrwürdigen Wiener Musikverein (einem breiten Publikum durch das Neujahrskonzert bekannt) statt.

Tickets waren bis zum Nachmittag des Balles zu kaufen (Preise um 100€ pro Karte) und ich habe im Nachhinein erfahren, dass über 3000 andere Gäste mit uns den Ball besuchten.

Im Saal selbst wurde die Bestuhlung aus dem Parkett entfernt, um einen Tanzboden zu schaffen. Ränge und Logen waren mit tausenden Blumen in ein wahres Blütenmeer verwandelt worden.

Dank eines hilfreichen Tips erschienen wir schon sehr früh am Ort des Geschehens, und konnten uns so einen Platz mit guter Sicht auf die Eröffnungszeremonie ergattern. Tatsächlich ist es so, dass auf fast keinem Ball jemals genug Stehplatz entlang der Ränder des Tanzbodens, geschweige denn auf den Balkonen ist, um allen Gästen Sicht auf das Geschehen zu ermöglichen.

Der Ball selbst begann so, wie er traditionell seit hundert Jahren anfängt – mit der von Richard Strauss im Jahre 1921 eigens für ihn komponierten Fanfare. Dieser folgte eine hinreißende Aufführung des Valse Satzes aus Hector Berlitz‘ Symphonie Fantastique, superb gespielt von den Gastgebern, den Wiener Philharmonikern, selbst. Im Anschluss kam gleich das nächste große Highlight: die Eröffnungspolonaise des Jungdamen und -herrn Komitees. Über hundert der jungen Paare tanzten eine hinreißende Choreografie, die mit dem Walzer „Wiener Blut“ und der traditionellen Aufforderung „Alles Walzer!“ endete.

In Wahrheit ist die oben stehende Aufforderung wahrscheinlich das ironischste Statement, das es in Österreich zu hören gibt. Kaum war die letzte Silbe gesprochen bewegten sich tausende Menschen in einer einzigen Woge in Richtung Tanzparkett, nur um Sekunden später zu einer zähen, stockenden Masse zu erstarren. Niemand, außer vielleicht ein paar wenigen, glücklichen Paaren ganz am Rande, konnte sich mehr als nur ein paar Millimeter von rechts nach links bewegen. Von Walzer tanzen konnte wirklich keine Rede sein!

Die Musik wurde den ganzen Abend hindurch von einem Tanzorchester und einer Tanzband im Wechsel dargeboten. Klassische Stücke wechselten sich mit moderner Tanz- und Popmusik ab und bot gute Unterhaltung für Tänzer aller Altersklassen. Für uns, die vorrangig zum Walzer tanzen angereist waren, gab es jedoch so gut wie keine Gelegenheit unser Können in die Tat umzusetzen. Bis spät in die Nacht war der Saal so voll, dass wir maximal ein, zwei, mit etwas Glück drei Umdrehungen hintereinander aufs Parkett legen konnten. Tatsächlich war die Situation dem Gefühl, in einem Lamborghini im Stau auf einer deutschen Autobahn zu stehen nicht unähnlich.

Und wenn ich gesagt habe, der Saal war schon zu normalen Zeiten zu voll, um richtig tanzen zu können, so war dies kein Vergleich zum Trubel der zu Mitternacht und um 2 in der Früh herrschte. Zu diesen Zeiten strömte wirklich das gesamte Haus zusammen, um gemeinsam die traditionelle Fledermaus Quadrille zu tanzen. Die Quadrille wird in zwei langen, sich gegenüberstehenden Kolonnen getanzt, und umfasst 6 sogenannte „Touren“, die mit unterschiedlichen Figuren (zum Beispiel die „Tour de Mains“, der Handkreis, bei dem sich ein Tanzpaar um die gereichten Hände dreht) zu verschiedenen Liedern aus der Operette Die Fledermaus getanzt werden. Von allen Touren ist die sechste die wohl berühmt-berüchtigtste. Sie wird wiederholt sich bei immer schnellerem Tempo so lange wieder und wieder bis der gesamte Saal in purem Chaos und schallendem Gelächter versinkt. Und um der Verwirrung noch ein Sahnehäubchen aufzusetzen, brechen in den Pausen zwischen den Touren immer wieder Tanzpaare aus den Kolonnen aus und galoppieren zwischen den Linien auf und ab. Eine Mitternachtsquadrille ist ein Erlebnis, das jeder einmal haben sollte – und ich kann versprechen, man wird es niemals vergessen.

Oh, übrigens – nicht zu wissen, was man tut ist der halbe Spaß an einer Quadrille. Als ich mich an der Kassa für Karten angestellt habe, habe ich eine junge Frau, die mit mir wartete, gefragt, ob sie mir einen Tip geben könnte, wo meine kleine Gruppe noch schnell die Grundzüge der Quadrille erlernen könnte. Sie war es, die mir dazu geraten hat, einfach abzuwarten und unvorbereitet mitzumachen, da immer ein guter Teil der Ballbesucher genauso wenig Ahnung hat, wie man selbst und das einfach einen Teil der Tradition ausmacht. Später, als wir uns am Abend in die Kolonne einreihten, haben wir uns eine Stelle gegenüber einem der Eröffnungspaare (leicht daran zu erkennen, dass die jungen Damen in wunderschönen weißen Kleidern gewandet sind) geschnappt – in der Hoffnung, dass diese „Profis“ sicher wissen, was sie tun. Und wir lagen mit dieser Vermutung richtig… und konnten uns die ein oder andere Figur zumindest ein bisschen abschauen.

Lange nach der letzten Quadrille, und somit lange nach 2 Uhr morgens, zeigten die Menschenmassen noch immer keinerlei Müdigkeit. Wir blieben bis in die frühen (oder späten, je nachdem wie man es betrachtet) Morgenstunden in der Hoffnung, doch noch einen echten Wiener Walzer aufs Parkett legen zu können, aber… die Wiener sind hartnäcking und standfest zu gleichen Teilen. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass die Besucher weniger wurden, sogar dann noch nicht, als um 5 in der Früh die wunderschönen Luster gedimmt wurden, um zu signalisieren, dass die Party nun endgültig vorbei war.

Im trüben Dämmerlicht tanzten wir mit so vielen anderen Paaren im spektakulärsten Ballsaal, den ich je gesehen habe, unseren letzten Tanz der Nacht – einen langsamen Walzer.

Tipps

  • Wien ist zu jeder Jahreszeit eine Reise wert.
  • Wenn es aber irgendwie möglich ist, ist ein Besuch während der Ballsaison (November bis ca. Februar/März) sehr zu empfehlen. Und der Besuch von mindestens einem Ball!
  • Wer moderne Tanzmusik und Popmusik liebt, ist eigentlich auf jedem Ball an der richtigen Stelle.
  • Wer besonders wegen des Walzers kommt, sollte definitiv auf einen der großen Bälle in einem der spektakulären, historischen Gebäude gehen.
  • Eine gute Anlaufstelle für Tips und last-minute Tanzstunden ist die Tanzschule Elmayer, die neben der Hofburg gelegen ist. Thomas Elmayer und sein Team haben schon jeden großen (und vermutlich auch jeden kleinen) Ball in Wien eröffnet und sind sowohl eine echte wiener Institution, als auch eine unfassbar wissende und hilfreiche Ressource.
  • Der Dresscode ist kein Vorschlag, sondern ein Muss! Man sollte sich schon im Vornherein klar sein, was erwartet wird, wo man Kleidung her bekommt (man kann in Wien fast alles an Festkleidung ausborgen, man muss nur wissen wo), was es kostet, etc. Generall gesagt gilt für Männer mindestens Black Tie, wobei White Tie auf den großen Bälle Pflicht ist; für Frauen gilt Abendrobe und lange Handschuhe.
  • Schuhe! Es sollte klar sein, aber Schuhe müssen bequem genug sein, um stundenlang in ihnen stehen und tanzen zu können! Wer Tanzschuhe hat, sollte sie mitbringen!
  • Es ist nie verkehrt am Nachmittag vor dem Ball ein Nickerchen einzuplanen, oder sich zumindest ein wenig Erholung zu können. Die Nacht ist lang!
  • Es ist nie verkehrt, so früh wie möglich im Ballsaal anzukommen, um ein Plätzchen mit guter Sicht auf das Geschehen zu ergattern. Ausserdem macht es unendlich Spaß, die anderen Gäste zu beobachten und ihre Kleider zu bestaunen!
  • Es ist vollkommen in Ordnung, wenn man am Tanzparkett nur von rechts nach links schaukelt. Zumindest in den ersten Stunden ist so und so wenig anderes möglich.
  • Die Quadrille ist ein Muss! Es ist völlig egal ob man keine Ahnung von den Schritten (oder von Tanzen generell) hat, oder kein Deutsch spricht und die Ansage der Figuren somit nicht versteht – es geht um den Spaß. Und um ein einzigartiges Erlebnis, dass es außerhalb der wiener Bälle kein weiteres Mal gibt!
  • Und am aller wichtigsten: GENIESSEN, GENIESSEN, GENIESSEN!